
„Die meisten finanziellen Fehlentscheidungen junger Ärzte passieren nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Zeitmangel“, sagt Dr. Berndt Schlemann, Geschäftsführer der Dr. Schlemann. Der Volljurist mit Zusatzqualifikation im Steuerrecht berät seit 2005 als unabhängiger Finanzberater und Versicherungsmakler schwerpunktmäßig Ärzte und Akademiker zu Krankenversicherung, Berufsunfähigkeit und Altersvorsorge.
Hohe Fixkosten von Anfang an
Wer nach Jahren intensiven Studiums endlich den Arztberuf ausübt, steht finanziell vor einer paradoxen Situation: Das Einkommen steigt deutlich an, doch die Erfahrung im Umgang mit größeren Summen fehlt oft völlig. Gerade in den ersten Berufsjahren werden Weichen gestellt, die sich über Jahrzehnte auswirken. Viele junge Medizinerinnen und Mediziner tappen dabei in Fallen, die sich mit dem richtigen Wissen leicht umgehen lassen.
Der häufigste Fehler passiert direkt nach dem ersten richtigen Gehaltseingang. Nach Jahren mit schmalem BAföG oder Studienkredit fühlt sich das Assistenzarztgehalt plötzlich wie ein Lottogewinn an. Das neue Auto wird geleast, die Wohnung großzügig gewählt, Abos und Verträge häufen sich. „Lifestyle Inflation“ nennt sich dieses Phänomen, und es betrifft Mediziner besonders stark, weil der soziale Vergleich innerhalb der Kollegenschaft den Druck verstärkt.
„Wer nach dem Studium sofort seinen Lebensstandard auf Oberarztniveau hochfährt, verbaut sich die wichtigsten Jahre für den Vermögensaufbau“, warnt Dr. Schlemann. Die Folge: Trotz eines Bruttoeinkommens von 55.000 bis 65.000 Euro im ersten Berufsjahr bleibt am Monatsende wenig übrig. Dabei wäre gerade jetzt der ideale Zeitpunkt, ein finanzielles Polster aufzubauen. Fachleute empfehlen, in den ersten zwei Berufsjahren mindestens 20 Prozent des Nettoeinkommens zu sparen – bevor sich der neue Lebensstandard als „normal“ einbrennt.
Krankenversicherung: Die unterschätzte Grundsatzentscheidung
Eine Entscheidung, die junge Mediziner oft zu schnell oder zu spät treffen, betrifft die Wahl der Krankenversicherung. Gerade beim Wechsel in die Privatversicherung spielen Faktoren wie Familienplanung, Beitragsentwicklung und Leistungsniveau eine zentrale Rolle. Wer sich nicht frühzeitig informiert, verschenkt unter Umständen tausende Euro pro Jahr.
„Die Entscheidung zwischen GKV und PKV ist keine, die man zwischen zwei Nachtdiensten treffen sollte“, betont Dr. Schlemann. „Gerade bei Ärzten mit Familienwunsch muss man die langfristigen Kosten für Partner und Kinder sauber durchrechnen – sonst erlebt man nach der Geburt des ersten Kindes eine böse Überraschung.“ Denn anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung existiert in der PKV keine kostenlose Familienversicherung – jedes Familienmitglied benötigt einen eigenen Tarif mit einer private Krankenversicherung Familie. Wer diesen Aspekt frühzeitig durchrechnet und verschiedene Anbieter vergleicht, kann erheblich sparen.
Die richtige Entscheidung hängt von individuellen Faktoren ab: Ist eine Niederlassung geplant? Wie viele Kinder sind gewünscht? Welche Leistungen haben Priorität? Wer diese Fragen vor dem Vertragsabschluss klärt, erspart sich später schmerzhafte Tarifwechsel oder hohe Nachzahlungen.
Versicherungen: Zu viel, zu früh, zu teuer
Junge Ärztinnen und Ärzte sind eine beliebte Zielgruppe für Versicherungsvertreter. Kaum wird der Berufseinstieg bekannt, stapeln sich die Anfragen. Das Ergebnis: Viele Berufseinsteiger schließen deutlich mehr Versicherungen ab, als sie tatsächlich brauchen. Zahnzusatz, Krankenhaustagegeld, Reisegepäck – die Liste wird schnell lang und teuer.
Laut Dr. Schlemann lässt sich die Priorität mit einer einfachen Faustregel klären: „Fragen Sie sich bei jeder Versicherung: Kann mich dieser Schadensfall finanziell ruinieren? Falls ja, ist die Versicherung Pflicht. Falls nein, ist sie meistens verzichtbar.“ Tatsächlich sind für den Start nur wenige Versicherungen wirklich unverzichtbar: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung steht an erster Stelle, denn als Mediziner ist die Arbeitskraft das wertvollste Gut. Daneben gehört eine Haftpflichtversicherung zur Grundausstattung. Alles andere lässt sich prüfen, wenn die finanzielle Basis steht.
Altersvorsorge ohne Plan
Viele junge Mediziner schieben das Thema Altersvorsorge auf. Die Begründung klingt logisch: „Wenn ich erst Fachärztin bin oder meine eigene Praxis habe, verdiene ich genug, um richtig vorzusorgen.“ Das Problem dabei ist der Zinseszinseffekt, der bei frühem Beginn massiv zugunsten der Sparenden arbeitet.
Wer mit 27 Jahren monatlich 300 Euro in einen breit gestreuten ETF-Sparplan investiert, hat bei einer durchschnittlichen Rendite von sieben Prozent nach 35 Jahren rund 500.000 Euro angespart. Wer erst mit 37 startet, kommt bei gleicher Rate nur auf die Hälfte. Zehn Jahre Aufschub kosten also eine Viertelmillion Euro.
„Viele Ärzte verlassen sich darauf, dass das Versorgungswerk schon ausreicht“, erklärt Dr. Schlemann. „Aber auch die ärztlichen Versorgungswerke decken in der Regel nur 50 bis 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens ab. Die Versorgungslücke muss privat geschlossen werden – und je früher man damit anfängt, desto günstiger wird es.“
Studienkredit falsch tilgen
Etwa 40 Prozent der Medizinstudierenden finanzieren ihr Studium teilweise über Kredite. Nach dem Berufseinstieg stellt sich die Frage: Möglichst schnell tilgen oder investieren? Die Antwort ist weniger eindeutig, als viele denken.
Wer einen KfW-Studienkredit mit einem Zinssatz von derzeit rund vier Prozent bedient, sollte nicht sein gesamtes freies Kapital in die Tilgung stecken. Stattdessen lohnt sich eine Aufteilung: den Kredit planmäßig zurückzahlen und parallel einen Sparplan starten. Die langfristige Rendite am Aktienmarkt liegt historisch über dem Kreditzins, sodass paralleles Investieren oft die klügere Wahl ist.
Anders sieht es bei teuren Dispositionskrediten oder Kreditkartenrückständen aus: Diese sollten sofort getilgt werden, da kein Investment die Zinskosten von zehn Prozent und mehr zuverlässig ausgleicht.
Steuerliche Möglichkeiten ignorieren
Gerade in den ersten Berufsjahren lassen junge Ärzte steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten ungenutzt. Die Kosten für Fachliteratur, Kongresse, Fortbildungen und Arbeitsmittel sind absetzbar. Wer sich nicht darum kümmert, verschenkt jährlich mehrere hundert Euro.
Besonders lukrativ wird das Thema bei einer geplanten Niederlassung. Investitionsabzugsbeträge, Sonderabschreibungen und die richtige Rechtsformwahl können den steuerlichen Unterschied zwischen einer soliden und einer fragilen Praxisgründung ausmachen. „Ein auf Heilberufe spezialisierter Steuerberater kostet Geld, aber er spart in der Regel ein Vielfaches davon ein“, so Dr. Schlemann. „Das gilt umso mehr, wenn eine Niederlassung ansteht.“
Darauf kommt es jetzt an
Die finanzielle Weichenstellung in den ersten fünf Berufsjahren bestimmt, ob Ärztinnen und Ärzte langfristig finanziell unabhängig werden oder dauerhaft dem Geld hinterherlaufen. Die gute Nachricht: Keiner dieser Fehler ist unvermeidbar. Wer sich frühzeitig mit den Grundlagen beschäftigt, kluge Entscheidungen bei Versicherung und Vorsorge trifft und die eigenen Ausgaben bewusst steuert, schafft eine Basis, die über Jahrzehnte trägt.
„Der wichtigste Schritt ist, überhaupt anzufangen“, fasst Dr. Schlemann zusammen. „Es müssen keine großen Summen sein. Aber wer die ersten Berufsjahre verstreichen lässt, ohne sich um seine Finanzen zu kümmern, zahlt dafür später einen hohen Preis.“
